Interview
Karin Ohlsen im Gespräch mit Dr. Rita Wildegans, Kunsthistorikerin
Rita Wildegans: Wann hast Du mit dem Malen begonnen?
Karin Ohlsen: Eigentlich habe ich seit meiner frühesten Kindheit gemalt, denn wir hatten immer, auch während der Kriegszeit, Papier und Stifte zum Malen im Haus. Falls das einmal ausging, habe ich Steine gesammelt, die Farbe abgaben und habe damit auf der Straße gemalt. Schon in der Grundschule wurde ich besonders gefördert. Ich durfte an einem Wettbewerb teilnehmen und habe dann das beste Bild Niedersachsens gemalt. Später auf dem Gymnasium hatte ich dann meine erste große Einzelausstellung. Leider haben meine Eltern die weitere Förderung eher unterdrückt, weil ich erst einmal etwas Vernünftiges lernen sollte.
Rita Wildegans: Wer hat künstlerischen Einfluss auf Dich ausgeübt, mit welchen Künstlern hast Du Dich besonders auseinander gesetzt?
Karin Ohlsen: In erster Linie war es mein Elternhaus, das vom Bauhaus sehr geprägt war, da meine Mutter Bühnenbildnerin am Dessauer Theater gewesen war. So wurden schon sehr früh, auch mit uns Kindern, Diskussionen über Formen und Farben geführt.
Mein Vater brachte als Bibliothekar ständig neue Künstlerbücher mit nach Hause, und so wurden für mich sehr früh Georges Braque, Max Beckmann und Lucas Cranach so etwas wie Vorbilder. Später kam dann Louise Bourgeois dazu.
Rita Wildegans: An was denkst Du während des Malvorgangs?
Karin Ohlsen: Das ist ganz unterschiedlich. Eigentlich fließen immer Erlebnisse, Stimmungen und auch Probleme, mit denen ich mich auseinander setze, in meine Malerei ein. Da bin ich nie völlig frei. So könnte ich mir nicht vorstellen, ganz unabhängig von meinem Befinden ein Bild zu malen. Ich hätte dann das Gefühl, das Bild nicht mit Leben zu füllen.
Rita Wildegans: Wie wichtig ist für Dich die Farbe? Hast Du außer der Malerei auch einmal andere Techniken ausprobiert?
Karin Ohlsen: Farbe ist für mich ganz wichtig. So wichtig, dass ich sie mir nur noch aus Pigmenten und reinem Leinöl selbst anreibe. Nur so habe ich es in der Hand, den richtigen Ton zu treffen und ein Verhältnis zur Farbe herzustellen. Allein mit der Farbe kann ich Wesentliches ausdrücken.
Ich habe anfänglich viele Radierungen, Zeichnungen, einige Lithographien und Linoldrucke hergestellt, auch Objekte gebaut und Installationen zusammengetragen, um ins Dreidimensionale zu gehen, aber eigentlich bin ich Malerin, die Farbe ist mein wichtigstes Medium.
„Eigentlich bin ich Malerin, die Farbe ist mein wichtigstes Medium.“
Rita Wildegans: Jedes Bild hat seine Vorgeschichte. Ist die Vorgeschichte noch im Bild ablesbar oder nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt, bis dass Du z. B. mit dem Übermalen beginnst? Entsteht dann etwas völlig anderes, was mit der Ausgangssituation nichts Gemeinsames mehr hat?
Karin Ohlsen: Alle meine Bilder haben ihre eigene Geschichte, wobei die verschiedenen Schichten genauso wichtig sind wie der letzte Pinselstrich. Man kann es mit dem menschlichen Antlitz vergleichen, auch dort ist eine Geschichte, manchmal ein ganzes Leben, ablesbar. Das erst macht den Menschen zu einer Persönlichkeit. Bei meinen Bildern ist es ähnlich.
Schicht für Schicht wächst etwas heran, mit einem großen und reichen Erzählwert. Deshalb mache ich auch keine Aquarelle.
Rita Wildegans: Novalis hat einmal gesagt, dass ein Bild nicht Allegorie, nicht Symbol eines Fremden ist, sondern Symbol von sich selbst, d. h. vom Künstler. Trifft das zu?
Karin Ohlsen: Das glaub ich schon. Man könnte sagen, dass jedes Bild ein Selbstbildnis ist, weil es immer einen ganz persönlichen Teil von mir zeigt. Man gibt sich selbst preis, deshalb ist man ja auch so verletzbar. Ein zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein, wie einige Künstler es haben, ist ja nur Schutz.
Rita Wildegans: Nach gängiger Übereinkunft heute sollte die Kunst eher der Wahrheit verpflichtet sein als der Schönheit und Ästhetik. Wie denkst Du darüber?
Karin Ohlsen: Was heißt schon Wahrheit? Ich glaube, dass jeder seine eigene Wahrheit für sich immer wieder aufs Neue sucht.
Kunst sollte in erster Linie ehrlich sein, ohne den Anspruch auf äußere Effekthascherei und gängige Ideale der Ästhetik zu bedienen. Ich male ja in erster Linie nur für mich, das ist lebensnotwendig. Dabei muss ich ehrlich sein, ehrlich zu mir selber. Meine Bilder erzählen vom Leben, und wenn sie vom Leben erzählen, können sie nicht nur schön und ästhetisch sein.
„Meine Bilder erzählen vom Leben, und wenn sie vom Leben erzählen, können sie nicht nur schön und ästhetisch sein.“
Rita Wildegans: Spielen Träume, Visionen oder Gefühle eine Rolle in Deinen Arbeiten oder eher ganz reale Ereignisse, wie z. B. „Norden“ oder „F 34“, die Du nach einem realen Erlebnis in Malerei umsetzt?
Karin Ohlsen: Ich arbeite meistens themenbezogen ganz konkret an einer bestimmten Vorstellung, manchmal über ein Jahr, bis dass ich ein Thema von allen Seiten untersucht habe. Nach diesem Schema ist auch dieser Katalog aufgebaut. Da gibt es sieben Themen, die mich jeweils für eine ganz bestimmte Zeit beschäftigt haben, so lange, bis dass ich die Gefühle und Träume und Gedanken, die z. B. das Erlebnis „Norden“ in mir ausgelöst haben, verarbeiten konnte.
Rita Wildegans: Im Alltag gewinnen immer mehr Piktogramme, also verkürzte Zeichen für konkrete Dinge, an Bedeutung. Wie kann man die Zeichen, die auf Deinen Bildern trotz Übermalungen aufscheinen, z. B. Kronen oder auch Leitern, deuten?
Karin Ohlsen: Es sind eher Piktogramme, die nur ich erkenne. Du erkennst darin eventuell etwas ganz anderes. Sie sind nicht eindeutig lesbar, sondern fordern zur Auseinandersetzung auf.
Rita Wildegans: Wenn die Zeichen also mehr geheime Metaphern für komplexe Zusammenhänge sind, vermittelt dann das Bild nicht für jeden etwas ganz anderes?
Karin Ohlsen: Natürlich, die Menschen sehen ja in den Bildern Dinge, die in ihnen selber sind. Wenn mir ein Betrachter sagt, dass er dieses oder jenes erkenne, sagt das über den Betreffenden sehr viel aus.
Rita Wildegans: Warum möchtest Du zur Auseinandersetzung mit der Kunst auffordern?
Karin Ohlsen: Damit man offen bleibt, immer wieder eigene und auch andere Sichtweisen überprüfen kann, vielleicht so etwas wie Erkenntniszuwachs erhält. Das wäre schön.